Danke!

Das folgende Interview führte Ingo Franz mit unserer Vereinsvorsitzenden Karin Dülfer anlässlich des Benefizkonzerts am 19.01.2019 in der Stadthalle. Unser Verein wird aus den Erlösen eine Spende erhalten, für die wir uns schon jetzt sehr herzlich bedanken!

Ingo Franz:
Kannst Du kurz erklären, was dazu geführt hat, dass Euer gemeinnütziger Verein „Inklusion gestalten – Inklusion leben“ gegründet wurde?

Karin Dülfer:
Viele von Ihnen haben Kinder. Wer Kinder hat, weiß, dass sie erwachsen werden, ausziehen und ihren eigenen Weg gehen. Für Kinder mit Behinderung ist das nicht anders: Sie werden erwachsen, wollen ausziehen und ihre eigenen Wege gehen - auch wenn sie einen hohen Assistenzbedarf haben und vielleicht sogar rund um die Uhr Unterstützung brauchen. Loslassen müssen Eltern immer lernen.
Aber wie ist die aktuelle Situation für Familien, in denen Heranwachsende mit besonderem Assistenzbedarf leben? Gerade für junge Erwachsene mit hohem Assistenzbedarf ist es schwierig: Es gibt Heime, die weit entfernt sind, Gruppen, die sehr groß sind – also Angebote, die nicht passen.

Ingo Franz:
Ihr seid sehr aktiv dabei, ein inklusives Nachbarschaftsprojekt zu entwickeln und Ihr sucht ein Haus, in dem das geplante Wohnprojekt realisiert werden kann. Kannst Du Euer Konzept in wenigen Worten beschreiben?

Karin Dülfer:
Wir lernen durch Begegnung und machen so Erfahrungen, die das Miteinander verändern. Das ist aus der Forschung bekannt. In einem Nachbarschafts-Treffpunkt, in dem auch Menschen mit unterschiedlichem Assistenzbedarf wohnen und aktiv mitwirken, werden Begegnungen möglich und Erfahrungen gesammelt, die das Miteinander verändern.
Mit Hochdruck suchen wir ein Haus im Heidelberger Süden mit kleinen Wohneinheiten, wo Menschen mit und ohne Behinderung zusammen wohnen können. Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen sollen dort einziehen, verschiedene Generationen, Menschen aus anderen Ländern und natürlich auch Studierende.
In einer solchen Nachbarschaft  werden professionelle Fachkräfte und auch viele Freiwillige mitarbeiten und selbstverständlich auch die Menschen mit Behinderung. Aus meiner langjährigen Erfahrung weiß ich, dass Inklusion nur gelingt, wenn alle ihre unterschiedlichen Fähigkeiten einbringen und voneinander und miteinander lernen.

Ingo Franz:
Es geht in Euren Planungen um Menschen mit ganz  unterschiedlichen Behinderungen und um Menschen ohne Einschränkungen in ganz verschiedenen Lebenslagen. Ist es nicht schwierig, eine solche Vielfalt unter ein Dach zu bringen?

Karin Dülfer:
Ich beschäftige mich nun schon seit mehr als 30 Jahren aus fachlicher Perspektive mit dem Themenkreis Integration - besser gesagt Inklusion.
Und aus persönlicher Perspektive im In- und Ausland - nicht zu vergessen die familiären Erfahrungen mit unterschiedlichen Einschränkungen. Gerade in der Vielfalt sehe ich eine Chance, die unterschiedlichen Fähigkeiten und Potenziale zusammen zu bringen. Außerdem ist unsere Gesellschaft sehr heterogen und muss lernen, die Vielfalt zu gestalten. Dazu passt es, dass künftig auch Leistungen der Eingliederungshilfe zunehmend mehr individuell gewährt werden. Im Bezug auf die weltweit anerkannten Menschenrechte ist für alle ohne Ausnahme Selbstbestimmung und Teilhabe gefordert. Die rechtliche Situation in Europa und auch in unserem Land verändert sich und verlangt, dass individuelle Assistenz gewährt und Selbstbestimmung ermöglicht wird. Niemand kann mehr die Rechte auf selbstbestimmte Wohnformen – auch von Menschen mit Behinderungen - in Abrede stellen. Assistenz wird es in immer größerer Vielfalt geben. Hier müssen wir neue Wohnformen entwickeln. Unsere Initiative wird diese neuen Chancen nutzen.
Wir sind gut vorbereitet für den Start unseres Pilotprojekts in Heidelberg. Wir können jetzt beginnen. Interessenten haben wir genug. Von Anfang an, werden wir auch an die Nachbarschaft im Quartier denken, sie Einladen und einbeziehen.

Ingo Franz:
Wie wollt Ihr die Nachbarschaft einbinden?

Karin Dülfer:
Wir werden einen Raum einrichten, in dem wir uns mit der Nachbarschaft treffen können, Kaffee trinken, feiern, aber auch einfach so zusammenkommen. Ihre Spende werden wir verwenden, um diesen Raum gestalten zu können und für die Kaution.
Ich möchte mit einem Zitat von Kathrin Booth schließen: „Wer die Zukunft verändern will, muss die Gegenwart stören.“ Ich glaube, nur so bringen wir das Thema Inklusion voran.  Alle werden davon profitieren.